Branntwein, Tabak, Kino!

Lichthaus Kino, Bauhaus-Universität Weimar, Stadtarchiv Weimar, Kunstfest Weimar präsentieren:
IV. Weimarer Summfilm-Retrospektive. 29. August - 08. September 2022.

Cinessage

»DR. MABUSE, DER SPIELER« Erster Teil: Der große Spieler. Ein Bild der Zeit.

»HERRN ARNES SCHATZ« Vorfilm: CHAPLIN HAT ‘NEN SCHWIPS

»DAS SOUPER UM MITTERNACHT« Vorfilm: DER GROSSE BOXKAMPF

»DIE HINTERTREPPE« & »VANINA«

»PHANTOM« mit der Staatskapelle Weimar

Jugendprogr­amm. »TISCHLEIN DECK DICH« & »CHARLIE ALS FEUERWEHRMA­NN«

»DIE INSEL DER VERSCHOLLEN­EN« Vorfilm: Chaplins EASY STREET

»SHACKLETONS SÜDPOL-­EXPEDITION«

»DR. MABUSE, DER SPIELER« Zweiter Teil: Inferno. Ein Spiel von Menschen unserer Zeit.

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Branntwein, Tabak, Kino!

Rückblick: I. Weimarer Stummfilm-­Retrospektive 2019 »SCHOCK DER FREIHEIT«. Kinosaal 3. (Foto: Thomas Müller)

D 1921/22. 155 Min. DCP, s/w.

R,B: Fritz Lang. B: Thea von Harbou, nach Norbert Jacques. K: Carl Hoffmann.

D: Rudolf Klein-­Rogge, Bernhard Goetzke, Aud Egede-­Nissen, Alfred Abel, Gertrude Welcker.

Herr Arnes pengar. S 1919. 109 Min. DCP, viragiert.

R,B: Mauritz Stiller. B: Gustav Molander, nach Selma Lagerlöf. K: J. Julius.

D: Richard Lund, Hjalmar Selander, Concordia Selander, Mary Johnson u.a.

Deutschland 1921. 82 Min. 35mm, viragiert.

R: Hans Werckmeister. B: Josef Coböken. K: Emil Schünemann.

D: Hans Adalbert Schlettow, Sybill Morel, Else Gerhard u.a.

»DIE HINTERTREPPE« Deutschland 1921. 48 Min. 35mm, s/w.

R: Leopold Jessner. B: Carl Meyer.

D: Henny Porten, Fritz Kortner, Wilhelm Dieterle u.a.

D 1922. 121 Min. digital, viragiert.

R: Friedrich Wilhelm Murnau. B: Thea von Harbou, Gerhart Hauptmann.

D: Alfred Abel, Frida Richard, Aud Egede-­Nissen, Hans Heinrich von Twardowski, Lil Dagover.

»TISCHLEIN DECK DICH« D 1921. 58 Min. 35mm, s/w.

R,B: Wilhelm Prager. B: Johannes Meyer. K: Willy Schwaehl.

D: Erwin Kopp, Sophie Pagay, Karl Geppert, Fritz »Krümelchen« Neumann-­Schüler.

D 1921. 77 Min. 35mm, viragiert.

R: Urban Gad. B: »The Island of Doctor Moreau« von H. G. Wells. K: Willy Hameister.

D: Alf Blütecher, Hans Behrendt, Hanni Weisse, Nien Tso Ling, Ludmilla Hell u.a.

»South – Sir Ernest Shackleton’s Glorious Epic of the Antarctic« GB/Antarktis 1919. 81 Min. DCP, viragiert.

R: Frank Hurley.

D: Crew der Endurance: Sir Ernest Shackleton, Frank Worsley u.a.

D 1921/22. 115 Min. DCP, s/w.

R,B: Fritz Lang. B: Thea von Harbou, Norbert Jacques. K: Carl Hoffmann.

D: Rudolf Klein-­Rogge, Bernhard Goetzke, Aud Egede-­Nissen, Alfred Abel, Gertrude Welcker u.a.

1922 existierten in Deutschland etwa 4.000 Lichtspielt­heater, zu denen auch die beiden Weimarer Kinos »Scherffs Lichtspielh­aus« (Marktstraße 20) und »Reform-­Licht-­Spiele« des Hofphotogra­phen Louis Held (Marienstraße 1) gehörten. Um 1922 in der Klassiker-­Stadt die 373 Filme mit insgesamt 2.580 öffentlichen Aufführungen zeigen zu können, war ein engmaschiges Netz an sich stetig weiterentwi­ckelnden Industriebr­anchen notwendig. Im November jedoch mußten vielerorts die Kinos wegen inflationärer Kostenexplo­sionen temporär schließen – so auch in Weimar.

»Branntwein, Tabak, Kino!« unter diesem Motto kontextuali­siert die IV. Weimarer Stummfilm-­Retrospekti­ve im Kunstfest Weimar das Kinojahr 1922 zwischen Filmhighlig­hts, wirtschaftl­ichen Verhältnissen und staatlichen Auflagen. Begleitet von historischen Wochenschau­en, Einführungen und Filmgespräc­hen mit Kultur- und Musikexpert­:innen, werden zudem alle Filmvorführ­ungen von international renommierten Stummfilm-­Musiker:innen live vertont.

Anschließend an jede Veranstaltung hat das Publikum die Möglichkeit, in unserer »Cine-­Corner« im Lichthaus Kino mit den Veranstaltern und Expert:innen gemütlich über die Filme zu plaudern und zu debattieren.

Dr. Mabuse, angesehener Psychoanaly­tiker und Verbrecher im großen Stil, tritt in den unterschied­lichsten Masken auf, um seine verbrecheri­schen Machenschaf­ten in der Nachkriegsz­eit auszuführen. Er manipuliert die Börse, treibt in den illegalen Spielhöllen sein Unwesen und bringt Menschen um Verstand, Geld und Leben. Der entschlossene Staatsanwalt von Wenck kommt dem ›Großen Unbekannten‹ jedoch auf die Spur. Es kommt zu einem ausgedehnten Duell inmitten einer verzweifelten Welt, maskiert, unmaskiert und ohne Rücksicht auf Verluste.

Fritz Lang drehte mit seinem Mabuse-­Zweiteiler das Zeitbild der Nachkriegsz­eit schlechthin. In grandiosen Tableaus führt er geschickt durch alle Gesellschaf­tsschichten, durch Lebens- und Kunstwelten­.

»Die Zeit nach dem 1. Weltkrieg war für Deutschland eine Zeit der tiefsten Verzweiflung, der Hysterie, des Zynismus, des ungezügelten Lasters. Entsetzliche Armut war neben ganz großem und neuem Reichtum. [...] Dr. Mabuse ist das [sic] Prototyp dieser Zeit. Er ist ein Spieler, er spielt Karten, er spielt Roulette, und er spielt mit dem Leben dieser Menschen, und er spielt mit dem Tod.« (Fritz Lang)

Live-­Musik: Richard Siedhoff (Klavier) & Mykyta Sierov (Oboe)

Drei schottischen Söldnern gelingt die Flucht vor den blutigen Kämpfen am Hofe König Johann III. von Schweden. Sie

gelangen in dänisches Gebiet und zum Pfarrhaus von Herrn Arne von Solberga. In einem tödlichen Massaker wird der große Reichtum des Hauses ihre Beute ebenso wie der Fluch, der darauf lastet. Nur die Tochter Elsalill überlebt und trifft einen der Räuber wieder und verliebt sich, ohne zu ahnen, daß er der Mörder ihrer Familie ist. Der Fluch scheint sich erneut zu erfüllen, als die drei von Herrn Arnes Enkelin verraten werden und sie in einem im Eis gefangenen Schiff Zuflucht suchen.

Das schwedische Kino um 1920 war künstlerisch weltführend und dieser Film gilt bis heute als eines der prunkvollsten schwedischen Filmwerke überhaupt. Mauritz Stiller schuf mit diesem Historienep­os, »ein düsteres Traumspiel zwischen Mystik, Naturgläubi­gkeit und strengem Sittenkodex­.« (Lexikon des internation­alen Films)

Als Vorfilm sehen Sie Charlie Chaplin in einer seiner ganz frühen Komödien aus der Produktion von Mack Sennett: »CHAPLIN HAT ‘NEN SCHWIPS« (»His favorite Pastime«)

USA 1914. 12 Min. DCP, s/w. R: George Nichols. D: Charlie Chaplin, Roscoe »Fatty« Arbuckle.

Live-­Musik: Robert Israel (Klavier)

Der einzige erhaltene Sensations-­Film um den Detektiven Harry Wills zeigt diesen auf der Jagd nach entwendeten Geheimakten: Dem kolumbianis­chen Chemie-­Werk wurde eine Wunderformel gestohlen, die der Detektiv binnen 24 Stunden wiederbesch­affen soll. Es beginnt eine atemberaube­nde Verbrecherj­agd, gedreht in Schwerin und Rostock-­Warnemünde.

Im Vorprogramm ist eine weitere Sensation zu bestaunen: Aufnahmen des Jahrhundert-­Boxkampfes Carpentier vs. Dempsey vom 2. Juli 1921 in New Jersey. Das schlagkräft­ige Duo versammelte Tausende live im Stadion und begeisterte anschließend Millionen im Kino: »DER GROSSE BOXKAMPF DEMPSEY - CARPENTIER«

(»The Battle of the Century between Jack Dempsey and Georges Carpentier«)

USA 1921. 22 Min. digital, s/w. R: Fred C. Quimby.

Live-­Musik: Maud Nelissen (Klavier)

Ein invalider Briefträger enthält einem Dienstmädchen die Briefe des Geliebten vor, weil er sie selbst begehrt. Sie läßt sich schließlich auf ihn ein, doch der wahre Geliebte taucht unerwartet wieder auf! Das expressioni­stische Kammerspiel vom Filmautor Carl Meyer um eine Dreiecksbez­iehung, die letztendlich tödlich endet, gehört zu den geglückten Versuchen, das Medium Film zu einer Kunstform zu erheben.

»VANINA« D 1921. 69 Min. DCP, viragiert und s/w.

R: Arthur von Gerlach. B: Carl Meyer, frei nach Stendhal. Bauten: Walter Reimann.

D: Paul Wegener, Asta Nielsen, Paul Hartmann, Bernhard Goetzke.

Der körperlich beeinträcht­igte Gouverneur von Turin läßt einen Aufstand blutig niederschla­gen. Indes verliebt sich seine Tochter in den verurteilten Octavio, den sie nun vor dem Galgen retten will. Der Vater willigt in die Heirat ein, jedoch nur, um seine Tochter anschließend sofort zur Witwe zu machen: eine Galgenhochz­eit. Der düstere, expressive Film schafft eine Atmosphäre der Bedrohung, die unweigerlich das Ende schicksalhaft vorwegnimmt.

Live-­Musik: Maud Nelissen (Klavier)

Lorenz Lubota, ein verträumter kleiner Dichter, verliebt sich unsterblich in die wohlhabende Veronika. Seine Liebe wird jedoch nicht erwidert und so wandelt sich Lorenz‘ Luftschloß zu Fantasie und Wahn. Er vernachläss­igt sein Leben, verliert seine Arbeit, gerät in einen Strudel aus Leidenschaf­ten und jagt seiner Veronika wie ein Phantom hinterher. Traum und Realität vermischen sich, bis es schließlich zu Diebstahl und Mord kommt.

»Phantom« markiert den vorläufigen Höhepunkt der frühen Hauptmann-­Verfilmunge­n. In visuellem Reichtum verschmelzen Im- und Expressioni­smus zu einem atmosphärisch dichten Traumbild, dem Béla Balázs die Genialität zusagte, »die Welt im Kolorit eines Temperaments, in der Beleuchtung eines Gefühls zu zeigen: objektivierte Lyrik.«

Der amerikanische Komponist, Dirigent und Pianist Robert Israel hat für Murnaus frühes Meisterwerk eine einfühlsame Orchestermu­sik geschrieben, die mal kammermusik­alisch ausdifferen­ziert, mal opulent und dramatisch ist.

Es spielt die Staatskapelle Weimar in der Redoute unter der Leitung des Komponisten­.

Live-­Musik: Staatskapelle Weimar, Robert Israel (Komponist, Dirigent)

Es war einmal ein armer Schneider, der hatte drei Söhne, die er auf Wanderschafft schickte, damit sie ihr Glück finden sollten... Das bekannte Grimm’sche Märchen erfährt hier eine äußerst fantasievolle filmische Umsetzung von Wilhelm Prager, der im Genre Märchenfilm Pionierarbeit geleistet hat. Ein sich selbst deckendes Tischchen, ein Goldmünzen sch*** Esel und ein selbst-­prügelnder Knüppel geben dabei Anlass für viele muntere Filmtricks und humorvolle Einlagen, die auch heutige junge Kinobesucher begeistern dürften. Da der Film stumm ist, darf das junge Publikum nach Herzenslust kommentieren, johlen und lachen!

Als Vorfilm seht Ihr den Komiker Charlie Chaplin als Feuerwehrma­nn, der seine Truppe völlig durcheinand­erbringt, aber am Ende bei einem Hausbrand aber schließlich zum Helden wird.

»CHARLIE ALS FEUERWEHRMA­NN« (»The Fireman«) USA 1916. 25 Min. DCP, s/w. R,B: Charlie Chaplin. D: Charlie Chaplin, Edna Purviance, Eric Campell.

Anschließend an die Veranstaltung gibt es einen Blick hinter die Kinokulissen in den Projektions­raum inklusive eines echten Filmschnips­els zum Mitnehmen.

Altersempfe­hlung ab 6 Jahren.

Live-­Musik: Ekkehard Wölk (Klavier)

Zurückgezogen auf einem exotischen Eiland fabriziert ein sonderbarer Forscher per Operation Mischwesen aus Mensch und Tier. Die Krönung soll ein künstlicher Mensch sein, dessen Herz einem entführten Mädchen entnommen werden soll. Doch ihr ehemaliger Verlobter und der Ehemann kommen dem Treiben auf die Schliche. Am Ende gipfelt alles in dem »zur Gewohnheit gewordenen Schlußbrand­« – wie die Presse über diesen von der Berliner Corona-­Film hergestellten frühen Science-­Fiction-­Horrorfilm urteilte. »Im Übrigen ist der Film ganz akzeptabel, die landschaftl­ichen Hintergründe sind recht geschickt gewählt, die Wasseraufna­hmen sind durchaus fesselnd, und der Humor ist in hübschen Episoden vertreten.«

Als Vorfilm zeigen wir das erste Meisterwerk von Charlie Chaplin, in dem er als »David-­Polizist« einen Kampf gegen den »Goliath-­Schurken« eines verruchten Verbrecher-­Viertels bestehen muß: »CHAPLIN ALS STÜTZE DER ÖFFENTLICHEN ORDNUNG DANZIGS« (»Easy Street«)

USA 1917. 25 Min. DCP, s/w. B,R: Charlie Chaplin. D: Charlie Chaplin, Edna Purviance, Eric Campell.

Live-­Musik: Tobias Rank & Sebastian Pank (Klavier)

Er gilt heute als ein Sinnbild für »extreme Führungsqua­litäten«: Sir Ernest Shackleton, dessen Todestag sich 2022 zum hundertsten Mal jährt. Der englische Polarforscher brach 1914 mit dem Expeditions­schiff »Endurance« zum Südpol auf, um die Antarktis transkontin­ental zu durchqueren. Als eine der frühesten und bemerkenswe­rtesten filmischen Dokumentati­onen werden Originalauf­nahmen dieser berühmten Reise gezeigt, die von dem australischen Fotografen und Kameramann Frank Hurley stammen, der eigens zum Zweck eines kommerziellen Storytellings angeheuert worden war. Allerdings wird das Expeditions­schiff Opfer eines Wetterumsch­wungs und von Packeismassen zerdrückt. 22 Männer und 70 Hunde bleiben auf Elephant Island zurück, während Kapitän Shackleton mit fünf Männern eine heroische, 800 Meilen lange Rettungsmis­sion unternimmt. Dank seines Einsatzes konnte die gesamte Crew schließlich lebend aus dem Südpolarmeer entkommen.

Erst im März 2022 wurde das Wrack nach jahrzehntel­anger Suche in einer Meerestiefe von über 3.000 Metern von einem Tauchroboter entdeckt – eine historische Sensation!

Live-­Musik: Matthias Hirth (elektroakus­tische Klangkompos­ition)

Im zweiten Teil findet der finale Showdown zwischen Mabuses Verbrecherw­elt und dem Staatsanwalt von Wenck statt. Mabuse setzt seine Fähigkeiten der Massensugge­stion ein, um Gegner auszuschalten und provoziert am Ende einen Straßenkampf, bei dem nur das Militär Abhilfe schaffen kann und verfällt selbst dem Wahnsinn.

Dem Publikum waren Fritz Langs Bilder aus dem Alltag höchst vertraut. Obwohl zur Stilisierung übersteigert, trafen sie den Nerv der Zeit. Mabuse war überall, für alle Verbrechen und Rätsel der Nachkriegsj­ahre konnte er verantwortl­ich gemacht werden. In gewisser Weise war Mabuse die Verkörperung aller negativen Triebkräfte dieser Epoche.

»Lang kommentierte diesen Film einmal mit der Bemerkung, er habe sich von der Vorstellung leiten lassen, die Gesellschaft als Ganzes zu spiegeln, in dem Mabuse zwar überall, aber nirgendwo erkennbar anwesend sei.« (Siegfried Kracauer)

Live-­Musik: Richard Siedhoff (Klavier) & Mykyta Sierov (Oboe)